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GARZEIT    |    LAUTESkollektiv    |    2020/21   

Mit der Garzeit wird gemeinhin die Dauer des Wandlungsprozesses einer Ausgangsmaterie in ein Endprodukt beschrieben: Vom rohen Teig zum fertigen Brot wirken zahlreiche physikalische und chemische Prozesse, ein wahrlich kreativer Kraftakt! Ähnliche Vorgänge sind in der Schweiz vor 1971 spürbar: Es köchelt, gärt, simmert oder schwappt über – gar lange dauert jene Schmorprozedur, bis 1971 endlich das lang ersehnte und hart umkämpfte Frauenstimmrecht durch eine eidgenössische Abstimmung in Kraft tritt. Undenkbar ist es allerdings, den Ofen heutzutage getrost auszuschalten, denn noch immer herrschen asymmetrische Verhältnisse in den verschiedensten Bereichen unserer Gesellschaft.

Garzeit ist das jüngste Projekt der Komponistin Stephanie Haensler und der Designerin Laura Haensler, die gemeinsam als LAUTESkollektiv an der Schnittstelle ihrer Disziplinen gesellschaftlich relevante Themen künstlerisch erfahrbar machen: Zeitgenössische Musik trifft auf Objektinstallation, Design befragt Komposition, Hörbares spiegelt sich in Sichtbarem.

Protagonist ist ein Backofen, konstruiert und gebaut von Laura Haensler nach Vorbild des in den 1960er Jahren rege verkauften Therma-Herdsystems, welcher nun seiner ursprünglichen Funktion entfremdet zum Klangkörper wird: Die Komposition von Stephanie Haensler schliesst den Ofen als festen instrumentalen Bestandteil mit ein und lässt das Ensemble dadurch in einem reizvollen Spannungsfeld zwischen Konzert- und Küchenkontext agieren. Mit Hilfe der Ofenarmaturen werden sicht- und hörbare Aktionen ausgelöst – der Backofen reagiert auf manuelle Eingriffe, die die Ereignisse im Kontext des Frauenstimm- und Wahlrechts in der Schweiz von 1914 bis heute thematisieren – eine unmittelbar haptische Umsetzung einer historischen Chronik. So antwortet der Ofen beispielsweise auf das Nein des Ständerates von 1951 mit einem plötzlichen Stromausfall, die beiden SAFFA Ausstellungen von 1928 und 1958 werden durch ein schneckenartig gewundenes Bratgut symbolisiert und die grosse Schlappe von 1959 erhält im fatalen Zusammenfallen des zuvor sorgfältig gehegten Soufflés ein prägnantes Bild. Durch die selbstverständliche Nähe und Durchmischung zweier künstlerischer Sparten entsteht auf direkte, plastische und nicht minder ironische Weise ein erweitertes Konzerterlebnis.

Interpretiert wird das Werk vom Mondrian Ensemble, einem der international führenden Quartette für zeitgenössische Musik (Ivana Pristasová, Petra Ackermann, Tamriko Kordzaia und Karolina Öhman).

Garzeit wird verteilt über das Jahr 2021 an mehreren Orten aufgeführt. Die Variation der Formate bietet reizvolle Abwechslung, so wird das Werk beispielsweise in ein reines Komponistinnenprogramm eingebettet, oder erfindet sich gar sein eigenes neues Gefäss: Für die Aufführung im Historischen Museum Baden wird die Historikerin Heidi Pechlaner Gut in Form einer Kochshow durch den Abend führen und anekdotisch vermitteln, was zwischen 1914 bis 1971 in der Schweiz geschah. So ist Garzeit nicht zuletzt ein Bildungsformat, das dieses wichtige Thema auf unkonventionelle, kritische und mutige Weise erfahrbar macht.




Mit freundlicher Unterstützung von:
 


Fotos: Regula Bearth, Dominic Steigmeier



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